{"id":5084,"date":"2022-09-23T10:06:04","date_gmt":"2022-09-23T08:06:04","guid":{"rendered":"https:\/\/heroesproject.eu\/?p=5084"},"modified":"2022-09-23T10:28:36","modified_gmt":"2022-09-23T08:28:36","slug":"interview-with-heidrun-gattinger-head-of-the-institute-of-applied-nursing-science-at-the-eastern-switzerland-university-of-applied-sciences","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/heroesproject.eu\/at\/2022\/09\/23\/interview-with-heidrun-gattinger-head-of-the-institute-of-applied-nursing-science-at-the-eastern-switzerland-university-of-applied-sciences\/","title":{"rendered":"Interview mit Heidrun Gattinger, Head of the Institute of Applied Nursing Science at the Eastern Switzerland University of Applied Sciences"},"content":{"rendered":"<p>Ein weiteres Interview \u00fcber die Rahmenbedingungen zur Rekrutierung von Pflegefach- und Betreuungspersonen in der Schweiz f\u00fchrte Katharina Molterer am 12.07.2022 mit Heidrun Gattinger, Leiterin des Instituts f\u00fcr Pflegewissenschaften an der Ostschweizer Fachhochschule.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Empfehlungen bei der Rekrutierung von Pflegefachpersonen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ausgehend f\u00fcr welche T\u00e4tigkeit ich die Personen ben\u00f6tige, muss ich mir als Arbeitgeber:in sehr klar sein \u00fcber die Kompetenz, die ich brauche, um das passende Personal zu finden. Zudem spielt die fachliche Eignung adressiert auf die Zielgruppe, die man versorgt, sowie die Pers\u00f6nlichkeit der Kandidatin eine grosse Rolle. Wichtig ist auch die Passung ins Team, denn in der Pflegearbeit ist je nach Setting mehr oder weniger Teamarbeit gefragt. Zusammenfassend w\u00fcrde ich sagen, bei der Rekrutierung sind die drei Faktoren wesentlich: fachliche Kompetenz, Pers\u00f6nlichkeit und Teamf\u00e4higkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\" translation-block\"><strong>Gibt es einen Unterschied in der Rekrutierung f\u00fcr Institution vs. H\u00e4uslichkeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die h\u00e4usliche Pflege m\u00fcssen die Pflegenden ein breites und tiefes Wissen haben, gerade weil sie auf sich allein gestellt sind. Beispielweise m\u00fcssen Sie medizinische Situation sehr gut einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, um danach entscheiden zu k\u00f6nnen, ob sie die notwendigen Massnahmen treffen oder ob sie den Hausarzt kontaktieren bzw. welche anderen Dienste involviert werden m\u00fcssen. Sie brauchen daher eine hohe fachliche Kompetenz und ein eigenst\u00e4ndiges Arbeiten. Die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung ist wichtig, weil wenn man mit Klient:innen zuhause arbeitet, ist normalerweise der Status der Autonomie ein h\u00f6herer, da sich diese Klient:innen nicht so leicht in die Patientenrolle begeben. Du bist als Pflegefachperson bei ihnen Gast und bist Dienstleisterin und musst das auch gut unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Es gibt Pflegepersonen, die gerne in diesem Setting arbeiten. Die, die neu in diesem Setting sind, m\u00fcssen gut unterst\u00fctzt werden, weil sie sich weiterentwickeln m\u00fcssen. Spitex und h\u00e4usliche Pflege hat andere Anforderungen als Institutionen. Hier geht es um selbstst\u00e4ndiges Arbeiten vs. sich alleine und \u00fcberfordert f\u00fchlen, weil man nicht sofort die Kollegin fragen kann. Im Spital teilt man die oder kann sie gut abgeben. In der H\u00e4uslichkeit muss man pl\u00f6tzlich selbst gut eine Diagnose stellen k\u00f6nnen. Die Autonomie in der klinischen Entscheidungsfindung ist hier h\u00f6her als im station\u00e4ren Setting.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herausforderungen bei der Rekrutierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Generell ist die gr\u00f6sste Herausforderung der Fachkr\u00e4ftemangel, es sind zu wenig Pflegepersonen da, vor allem auch die h\u00f6her ausgebildeten. Wenn man mehr FH-Absolventen haben wollen w\u00fcrde oder eine Pflegeexpertin mit Master-Abschluss, ist der Markt ausgetrocknet. Es ist auch schwierig die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Pflegefachpersonen bleiben.  Zum Teil sind die gesetzlichen Vorgaben schwierig. Gerade bei der Spitex haben wir das Problem einer hohen B\u00fcrokratisierung, so m\u00fcssen die pflegerischen Leistungen im f\u00fcnf Minuten Takt abgerechnet werden. Die Pflegeperson selbst erlebt das nicht nur als Leistungsabrechnung, sondern auch als Kontrolle, Zwang und Einengung im eigenen professionellen Handeln. Du machst im Voraus eine Planung, nat\u00fcrlich kannst du sie \u00e4ndern, aber das ist ein b\u00fcrokratischer Aufwand, weil du bei der Versicherung begr\u00fcnden musst, warum du mehr Zeit f\u00fcr T\u00e4tigkeit xy brauchst. Eigentlich macht gerade die Unplanbarkeit die Pflege aus, man muss auf die Anforderungen der jeweiligen individuellen Situation eigenen k\u00f6nnen und dann kann es sein, dass anstelle der K\u00f6rperpflege ein Gespr\u00e4ch oder eine Schulungsmassnahme sinnvoller ist. Das System kontrastiert das. Wir trimmen die Pflegenden in der Ausbildung so darauf die Situation und Individualit\u00e4t wahrzunehmen und situativ zu handeln, aber das System dr\u00e4ngt in eine ganz andere Richtung. Damit kommen die Pflegenden oft in schwierige Dilemmata, was zu \u00abmoral distress\u00bb f\u00fchren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das System, welches es schwierig macht, dass Pflegepersonen gern und ihrer T\u00e4tigkeit sinnvoll nachgehen und arbeiten k\u00f6nnen. Sehr innovative Spitexformen haben da vielleicht schon ein bisschen kreativere L\u00f6sungen gefunden, wie man damit umgeht. Aber da ben\u00f6tigt es schon eine grosse Innovationskraft von den leitenden Personen, um diese Rahmenbedingungen zu \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wichtig w\u00e4re sind Investitionen in Weiterbildung und Kompetenzentwicklung. Pflegepersonen in diesem Bereich kommen schon auch oft in Grenzsituationen, in denen sie \u00fcberfordert sind. Da muss man in der Organisation schauen, dass man im R\u00fccken einen guten Support hat. Das heisst, man muss Fachleute im Hintergrund haben, die immer wieder schauen, wie gehe ich z.B. mit Substanzabh\u00e4ngigkeit, Aggressionsereignissen, oder auch k\u00f6rperlich sehr belastenden Situationen um. Die Privathaushalte sind nicht so eingerichtet, wie im Krankenhaus, wo man als Pflegende alle m\u00f6glichen Hilfsmittel zur Verf\u00fcgung hat. Selbstst\u00e4ndige Pflegende sind dahingehend schon Einzelplayer. Ich weiss nicht, inwieweit sie sich fachlich innerhalb vom Verband unterst\u00fctzen. Das ist bestimmt eine Herausforderung auch bei Plattformen wie HEROES und der Selbstst\u00e4ndigkeit. Innerhalb einer Organisation habe ich den Support und es findet gemeinsames Lernen statt. In der Selbstst\u00e4ndigkeit musst du dir das alles selbst organisieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schutz des Pflegepersonals<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt im Pflegeberuf k\u00f6rperliche und psychische Herausforderungen und Risiken: Die k\u00f6rperliche Belastung ist in der Pflege generell gross \u2013 65% der Pflegenden haben in ihrem Berufsleben arbeitsbedingte R\u00fcckenschmerzen. Die h\u00e4ufigste Ursache daf\u00fcr ist die Unterst\u00fctzung von Patient:innen, z.B. bei einem Transfer aus dem Bett in einen Rollstuhl. Vor allem in der h\u00e4uslichen Pflege sind oft schwierige Rahmenbedingungen, z.B. ist das Bad sehr klein oder es sind keine passenden Hilfsmittel vorhanden. Man kann den Klient:innen nicht anordnen, dass sie sich Hilfsmittel kaufen sollen. Psychisch kann der Beruf auch belastend sein, z.B. wenn man mit kognitiv eingeschr\u00e4nkten Menschen arbeitet, die einen nicht in die Wohnung reinlassen oder wenn verbale und k\u00f6rperliche Attacken erfolgen. Bei \u00dcberforderung, h\u00e4ufig gepaart mit fehlender Ausbildung, kann es auch zu \u00dcbergriffen von der Pflegeperson kommen. Die Schwierigkeit in der h\u00e4uslichen Pflege ist, dass das nicht beobachtet werden kann und leichter vertuscht wird als in einer Institution.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein anderer Beruf kommt einem Menschen so nah, wie eine Pflegeperson es tun kann. Das ist einerseits das speziell Sch\u00f6ne, gleichzeitig ben\u00f6tigt man aber Kompetenzen, damit es sch\u00f6n sein kann. Beispielsweise passieren Aggressionshandlungen h\u00e4ufig bei k\u00f6rpernahen T\u00e4tigkeiten. Wichtig ist, dass die Pflegeperson entsprechende Skills und Kompetenzen hat, z.B. wie kann ich eine Person bewegen oder wie kann ich sie gut unterst\u00fctzen. Wenn das n\u00e4mlich so gemacht wird, dass sich eine Person nicht \u00fcberfordert oder manipuliert f\u00fchlt, dann kommt es auch weniger zu Aggressionshandlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n ist auch, dass man im h\u00e4uslichen Setting eine Beziehung zu den Menschen aufbauen kann, weil du sie l\u00e4nger betreust.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schutz der Leistungsempf\u00e4nger:innen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\" translation-block\">Ich denke ein Aspekt ist eine formale Ausbildung der Pflegenden, diese gibt einen professionellen Standard vor und gegebenenfalls Zusatzausbildungen. Gerade bei Leistungsempf\u00e4nger:innen mit besonderen Bed\u00fcrfnissen oder Krankheiten ist spezifisches Zusatzwissen wichtig. Die Autonomie der Leistungsempf\u00e4nger muss beachtet werden, die Pers\u00f6nlichkeitsrechte. Das ist ein Knackpunkt beim Modell von HEROES, weil es sehr auf Individualit\u00e4t ausgerichtet ist. Da muss man sich bestimmt \u00fcberlegen, wie man ein Qualit\u00e4tssicherungssystem integrieren kann. Eine Art Selbstdeklaration auf Seiten der Pflege und auch die Leistungsempf\u00e4nger st\u00e4rken, indem man Sie \u00fcber ihre Rechte aufkl\u00e4rt. Es w\u00e4re sicher wichtig, wenn man dazu Information aufbereiten w\u00fcrde, welche pflegerischen Ausbildungen, welche Zusatzausbildungen gibt es und welche Kompetenzen werden damit erlangt. Und dann auch von der gesetzlichen Lage her, z.B. das Erwachsenen-schutzgesetz aufbereiten. Auf der anderen Seite f\u00fcr die Pflegefachpersonen k\u00f6nnte man einen Code of Conduct oder sowas aufschalten, was man akzeptieren muss bevor man sich registriert. Da k\u00f6nnte man sich an den ICN (international council of nursing) Pflegekondex anlehnen. Das ist der Code of conduct f\u00fcr die Pflege.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie unterscheidet sich Rekrutierung Stadt-Land?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bestimmt etwas schwieriger im l\u00e4ndlichen Bereich, es gibt weniger Leute, die dort arbeiten wollen. Vom Verdienst gibt es kantonal Unterschiede. Dadurch, dass in der Schweiz r\u00e4umlich vieles sehr nahe liegt, ist es oft kein Problem dort zu arbeiten, wo man mehr verdient. Allerdings ist Lohn nur ein Thema der Arbeitsplatzattraktivit\u00e4t, wenn du mit dem Lohn nicht mithalten kannst, musst du in den anderen Bereichen attraktiv sein, z.B. Weiterentwicklungsm\u00f6glichkeiten. Wichtig ist auch die Pflegeprofession zu st\u00e4rken, z.B. durch eine Pflegeexpertin im Team, die dazu beitr\u00e4gt, dass es zu einer Professionalisierung kommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Art von Unterst\u00fctzung kann von den lokalen Beh\u00f6rden gew\u00e4hrt werden? Und welche rechtlichen Voraussetzungen sind erforderlich, um die Zusammenarbeit zwischen Beh\u00f6rden und NGOs zu unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, was forciert werden muss, ist eine Vernetzung von Angeboten. Die Selbstst\u00e4ndigen m\u00fcssen besser unterst\u00fctzt werden von NGOs oder Beh\u00f6ren im Sinne der Netzwerkarbeit. Gerade in den l\u00e4ndlichen Bereichen, br\u00e4uchte es Stellen, wo Pflegende ihre Fortbildungsw\u00fcnsche eingeben k\u00f6nnen oder die beim Netzwerkaufbau unter den Pflegenden hilft.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freiwilligkeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ganz ein wichtiger Punkt. Grad zuk\u00fcnftig gedacht haben wir zu wenig Professionelle. Das k\u00f6nnte eben auch unterst\u00fctzt werden, auch die brauchen eine Anlaufstelle oder eine Vermittlungsplattform. Freiwillige m\u00fcssen aber auch gut unterst\u00fctzt werden, das zeigt die Erfahrung, weil auch hier schwierige Situationen entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vorteile digitale Rekrutierung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es bestimmt positiv, vor allem f\u00fcr die j\u00fcngere Generation Pflegender ist das selbstverst\u00e4ndlich und entspricht dem Trend der Zeit. Es kommt auch auf die Prozesse dahinter an. Qualifikation ist ein wichtiger Punkt, den man ber\u00fccksichtigen sollte. Ein Pers\u00f6nlichkeitsmatch w\u00e4re noch interessant. Sicher ist es eine professionell Pflegende und nichtsdestotrotz kann man ja nicht mit jeder Person.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterf\u00fchrende Links:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\">The ICN Code of Ethics for nurses<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.sbk.ch\/dienstleistungen-sbk\/freiberufliche-pflege\">SBK Informationen zur Freiberuflichen\u00a0Pflege<\/a> (information\u00a0for\u00a0self-employed\u00a0nurses in Switzerland)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weiteres Interview \u00fcber die Rahmenbedingungen zur Rekrutierung von Pflegefach- und Betreuungspersonen in der Schweiz f\u00fchrte Katharina Molterer am 12.07.2022 mit Heidrun Gattinger, Leiterin des Instituts f\u00fcr Pflegewissenschaften an der Ostschweizer Fachhochschule.<\/p>","protected":false},"author":3,"featured_media":5087,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v16.6.1 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Interview with Heidrun Gattinger, Head of the Institute of Applied Nursing Science at the Eastern Switzerland University of Applied Sciences - HEROES Project<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/heroesproject.eu\/at\/2022\/09\/23\/interview-with-heidrun-gattinger-head-of-the-institute-of-applied-nursing-science-at-the-eastern-switzerland-university-of-applied-sciences\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Interview with Heidrun Gattinger, Head of the Institute of Applied Nursing Science at the Eastern Switzerland University of Applied Sciences - HEROES Project\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Katharina Molterer conducted another interview on the framework conditions for recruiting nursing and care professionals in Switzerland on 12.07.2022 with Heidrun Gattinger, Head of the Institute of Applied Nursing Science&nbsp;at the Eastern Switzerland University of Applied Sciences. 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